Der Beethovenfries



Daß Klimt in seinem Bild „Der Kuß“ mehr darstellen wollte als nur einen Kuß zwischen Mann und Frau, bestätigt uns sein Beethovenfries, in dem er das gleiche Thema ein zweites Mal abhandelt. Wieder zeigt Klimt das Liebespaar, diesmal nackt vor goldenem und braunschwarzem Hintergrund. Die Farbe Gold steht für die Sonne, die Farbe Braun abermals für die Erde und die Farbe Schwarz für Ägypten. Über den kaum sichtbaren Köpfen ragen goldene Schlangenlinien empor, die den Lauf der Sonne ausdrücken. Dazwischen eine große Anzahl von Spiralen, die als Geäst des Lebensbaumes eine  Verstärkung der Sonnensymbolik ausdrücken. Die Frau, die mit ihren braunen Haaren die Erde repräsentiert, befindet sich unter dem Schutz des Sonnengottes. Am rechten und linken Rand dieser Schlangenlinien sind Sonne und Mond zu sehen. Im Kapitel über die religiösen Vorstellungen der alten Ägypter wurde festgestellt, daß Sonne und Mond als die Augen des falkenköpfigen Gottes Horus gedeutet werden. Horus ist der Sonnengott selbst. Damit haben wir ein weiteres Indiz für die Verwendung von mystischen Vorstellungen des alten Ägypten gefunden.

Und wie titelt Gustav Klimt diesen Teil des Beethovenfrieses? Er verwendet ein Zitat von Friedrich Schiller, nämlich „Diesen Kuß der ganzen Welt“. Dieser Titel bestätigt die altägyptisch-mystische Deutung dieses Bildes und die symbolische Bedeutung der Darstellung, die über den anschaulichen Gehalt hinausgeht. Denn dieser Kuß wird der ganzen Welt gegeben und nicht nur einer einzelnen Frau. Die goldene Farbe, in der das Bild erstrahlt, zeigt, daß der Kuß von der Sonne gegeben wird.

Sowohl im „Kuß“ als auch im Beethovenfries ist das Dualprinzip der alten Ägypter versinnbildlicht. Wir finden einerseits die reale Ebene, den Kuß zwischen Mann und Frau, und andererseits die mystische Ebene, den Ausblick auf die Wiedergeburt der Sonne, die damit auch der Erde das Weiterleben sichert. Damit ist die wichtigste religiöse Idee der alten Ägypter ausgedrückt: Wir leben, sterben und werden danach wiedergeboren. Mit der Wiedergeburt gehen wir in das ewige Leben ein.