Der Kuss



Dieses Gemälde zeigt vier verschiedene Motive:

     

  1. den Mann mit dem goldenen Mantel,
  2. die Frau im Blumenkleid,
  3. die Wiese, auf der sich beide Figuren befinden, und
  4. den schwarz-goldenen Hintergrund der beiden Figuren


Beginnen wir mit dem Mann. Machtvoll und groß, mit schwarzem Haar, beugt er sich zu der Frau  herunter. Sein prachtvoller goldener Mantel umfängt die Frau, die sich vollkommen passiv dem Kuß hingibt. Die Außenseite des Mantels weist schwarze, goldene und silberne Rechtecke sowie in Gold gearbeitete und untereinander verbundene Spiralen auf. Wenden wir nun die oben beschriebenen altägyptischen Symbole zur Deutung des Gemäldes an.

Das Gold repräsentiert die Sonne, in diesem Fall Ra (Re), den Sonnengott. Die Sonne wird immer maskulin gedacht, was auch durch die vielen Rechtecke auf der Außenseite seines Mantels ausgedrückt wird. Erinnern wir uns an die Tempelformen in Ägypten: der rechtwinkelige Weg, der rechte Winkel sowie das Rechteck weisen auf die männliche Erscheinungsform hin. Die schwarze Farbe der Haare, der Rechtecke und Punkte zeigt, daß der Ursprung der Symbole in Ägypten zu suchen ist, dem Land der „schwarzen Erde“, worunter der fruchtbare Landstreifen entlang des Nil zu verstehen ist. Die goldenen Spiralen auf der linken Außenseite des Mantels hat Gustav Klimt selbst bei den Vorlagen zum Stocletfries erklärt: Sie stellen den Lebensbaum dar. Fassen wir zusammen: Im Mann des Gemäldes „Der Kuß“ erkennen wir die Personifikation des Sonnengottes, der nach altägyptischer Mystik das Leben verkörpert und dessen Wiedergeburt Voraussetzung für das Überleben der Erde ist.

Betrachten wir nun die Frau: Sie ist kleiner, schwächer, vollkommen passiv, mit Blumen im Haar und einem bunten Kleid, auf dem hauptsächlich Kreise und Blumen dargestellt sind. Die Frau repräsentiert die Erde als Inbegriff des belebten und fruchtbaren Landes. Wegen ihrer Fruchtbarkeit wird die Erde immer weiblich gedacht. Das Kleid der Frau ist bunt, das Haar braun, also in jener Farbe gemalt, mit welcher Klimt die Erde als Planet dargestellt hat. Im Sinne der altägyptischen Mystik lassen sich die Kreise auf dem Kleid der Frau auf die gebrochene Achse beim Tempelbau, den Schneckenhausgrundriß, die Spirale, zurückführen, sind daher weibliche Symbole.

Die Innenseite des Mantels des Sonnengottes ist in der rechten Bildhälfte, also in der zur Frau gehörigen Bildhälfte, sichtbar. Die Mantelinnenseite berührt die Frau und ist voll mit weiblichen Symbolen. Sie weist neben der goldenen Farbe, die für die Sonne steht, Kreise auf, die auf das weibliche Element schließen lassen. Damit soll ausgedrückt werden, daß die Erde durch den Schutz der Sonne, durch ihr Scheinen und ihr Licht, ewig leben wird. Die Außenseite des Mantels des Sonnengottes ist zum Himmel, zum All, gewandt und mit Vierecken geschmückt, den männlichen Symbolen.
 
Kommen wir zu Punkt 3, der Wiese. Der Sonnengott und die Erde befinden sich auf einer Wiese, die als Hintergrund im unteren Bildteil nochmals das Motiv der blumenübersäten Erde repräsentiert.
 
Der vierte Bestandteil des Bildes ist der mit Goldstaub übersäte dunkle Hintergrund. Er soll die Weite des Weltalls ausdrücken, das als Reich der Sonne interpretiert werden kann. Darauf weisen auch die angedeuteten Quadrate in der rechten oberen Bildhälfte hin. Das Quadrat steht für die kosmische Ordnung und ist das Symbol der Ganzheit. Damit ist auch verständlich, daß der bunte Untergrund, der die beiden Figuren trägt, um ein Vielfaches kleiner sein muß, da die Erde im Verhältnis zur Weite des Himmels sehr klein ist.   

Was will uns das Bild in seiner Gesamtheit sagen? Der Kuß, den der Sonnengott der Erde zuteil werden läßt, drückt nichts anderes aus, als daß durch die tägliche Wiedergeburt des Sonnengottes auch die Erde wiedergeboren wird. Das tägliche Erscheinen der Sonne am Morgen sichert der Erde das Weiterleben. Die Erde ist von der Sonne vollkommen abhängig und wird daher im Bild als passiv dargestellt. In weiterer Folge macht die Wiedergeburt ein ewiges Leben möglich, was ein Hauptziel im Denken der alten Ägypter war.