Der japanische Farbholzschnitt



Es ist allgemein bekannt, daß die japanische Kunst des 19. Jahrhunderts, insbesondere der Farbholzschnitt, unter dem Eindruck der Weltausstellung 1873 in Wien einen großen Einfluß auf den Jugendstil ausübte. Die Maler des Jugendstils, deren wichtigster Vertreter in Wien wohl Gustav Klimt ist, übernahmen auf der Suche nach neuen Wegen den flächenhaften Stil des japanischen Farbholzschnitts. Diesen Stil, der auf jegliche Tiefenwirkung oder Perspektive verzichtet, dafür aber satte Farben verbunden mit einer markanten Linienführung verwendet, finden wir in Klimts Werken der Goldenen Periode wieder.

Im Katalog zur Ausstellung „Impressionisten aus dem Pariser Musee d’Orsay“ (Leopold Museum, Wien 2005, S 11) kann man hierzu lesen: „Die Bereitschaft zu dieser Ausschnitthaftigkeit hatte ihren Grund zum einen in den ... fertigen Leinwänden des Kunsthandels, zum anderen war sie der entscheidenden Begegnung dieser Maler mit der japanischen Kunst zu verdanken. Die nicht zentrierten Kompositionen japanischer Holzschnitte, das Fehlen von Räumlichkeit  und Relief, die starken Vereinfachungen und Stilisierungen, die damit verbundene große Bedeutung der aussagekräftigen Linie, schließlich die Betonung der dekorativen Fläche mit hellen und frischen Farben waren Elemente, die die europäische Malerei just in einem Augenblick trafen, als diese nach Wegen ihrer Erneuerung suchte.“

Die Übernahme japanischer Stilelemente wurde durch die Öffnung Japans in der Meiji-Zeit 1868-1912 (Ausstellungskatalog: Meiji-Kunst & Japonismus) zu Europa und Amerika hin ausgelöst und hat mit dem alten Ägypten nichts zu tun. Trotzdem gibt es wichtige Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Ägypten:

  1. Auch die ägyptische Malerei war zweidimensional, d.h. flächenhaft und ohne Tiefenwirkung.
  2. Wie bereits erwähnt, spielte im alten Ägypten der Sonnenkult eine zentrale Rolle. Auch in Japan genießt die Sonne besondere Verehrung. Der Tenno, d.i. der Kaiser Japans, wird ähnlich wie der Pharao Ägyptens als Abkömmling der Sonne angesehen. Japan gilt seit jeher als das Land der aufgehenden Sonne. Auch heute noch hat Japan die rote aufgehende Sonne im weißen Morgennebel in seinem Staatswappen. Die 1845 erfolgte Festlegung der Datumsgrenze am 180. Längengrad hatte zwar rein praktische Gründe, bestätigt Japan aber als das Land der aufgehenden Sonne und entspricht gleichzeitig den mythologischen Vorstellungen Ägyptens.
  3. Auch die japanischen Maler verwendeten gerne die von der Sonne abgeleitete Farbe Gold zur Darstellung oder Umrahmung wertvoller Objekte. Schließlich sei auf die Verwendung von Goldhintergrund im mittelalterlichen Europa als Symbol eines Hinüberblickes in die jenseitige Welt verwiesen. Auch in der mittelalterlichen Goldhintergrundmalerei dominiert die zweidimensionale Bildauffassung. Sie kann über römische und byzantinische Tradition auf ägyptische Vorstellungen zurückgeführt werden.