Die religiösen Vorstellungen der Ägypter



Um den Symbolgehalt der Gemälde der Goldenen Periode von Gustav Klimt zu verstehen, muß man um Jahrtausende in der Geschichte zurückgehen und tief in die altägyptische Mystik eintauchen. Die folgenden Vorstellungen hat Prof. Gertrud Thausing in Ihren Vorlesungen über „Ägyptische Religion“ 1993 - 1995 vertreten.

Der wichtigste Kult im alten Ägypten war der Kult des Sonnengottes. Der Lauf der Sonne stellte alle Stadien des Seins und Werdens dar, nämlich Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt. Der Aufgang der Sonne im Osten entspricht der Geburt bzw. der Wiedergeburt. Auf ihrem Tagesbogen von Ost nach West spendet die Sonne Licht und Wärme und sichert damit das Leben. Der Untergang im Westen stellt den Tod dar. Die Sonne tritt darauf ins Totenreich ein, wo sich die Seelen der verstorbenen Menschen befinden. Während der Nacht scheint die Sonne im Totenreich. Am nächsten Tag verläßt sie das Totenreich wieder und reist zunächst nach Osten, wo ihr Aufgang bzw. ihre Wiedergeburt stattfindet. Dieses Vorstellungen von Geburt, Tod und Wiedergeburt bezeichnen im alten Ägypten nichts anderes als den Isis – Osiriskult, den Wandel, das Prinzip von Stirb und Werde im Kosmos.

Dazu wäre zu sagen, daß für den Ägypter der tägliche Sonnenaufgang keine Selbstverständlichkeit war. Die Sonne wurde jede Nacht in der Unterwelt behindert und mußte sich ihren Weg freikämpfen, damit kein Stillstand eintrat und die Sonne aufgehen konnte. In Mexiko und Peru, wo nach der Kulturdiffusionstheorie Beziehungen nach Ägypten bestanden, versuchte man sogar, den Sonnenaufgang durch Menschenopfer zu erleichtern.

Ebenfalls von grundlegender Bedeutung für Ägypten war das Dualsystem. Nur zwei Dinge gemeinsam ergeben ein Ganzes. Zum Beispiel Ober- und Unterägypten, die beiden Seiten des Nil, Sonne und Mond als die beiden Himmelsaugen.

Wobei die beiden Himmelsaugen Sonne und Mond aus dem urzeitlichen Einauge entstanden sind. Das urzeitliche Einauge seinerseits mußte aber zerstört werden, um den beiden Himmelsaugen Sonne und Mond, d.h. dem Licht und in weiterer Bedeutung der Erkenntnis, Platz zu schaffen.

Ein wichtiges Sinnbild des alten Ägypten ist die „geflügelte Sonne“. Diese gehört zur ägyptischen Weltsymbolik, einer über das Materielle hinausgehenden sinnbildlichen Darstellung. Die geflügelte Sonne ist eine Hieroglyphe, die sich aus Geierflügeln und der Sonne zusammensetzt. Zugleich ist sie das Königs- oder Staatswappen. Im Gegensatz zum männlichen Horusfalken ist der Geier eine weibliche Gottheit, welche den Pharao und weiters das gesamte ägyptische Reich schützt.

Wichtig sind auch die Vorstellungen, welche die Ägypter mit einigen Farben verbanden. Die Farbe Gold steht immer für die Sonne, die stets männlich gedacht wird. Im Gegensatz dazu wird die Erde wegen ihrer Fruchtbarkeit weiblich gedacht. Die schwarze Farbe leitet sich vom fruchtbaren Nilschlamm ab und symbolisiert Ägypten. Die Bezeichnung „das schwarze Land“ bezieht sich daher nicht auf den Kontinent Afrika, wie man wegen der Hautfarbe seiner Bewohner fälschlicherweise annehmen könnte, sondern auf das Land Ägypten.

Besonders interessant ist auch das Horusauge. Es sieht einerseits in die Vergangenheit und andererseits in die Zukunft. Daraus folgt, daß das Horusauge ein Symbol der Ewigkeit ist. Da der Begriff der Ewigkeit für den Ägypter das höchste Ziel darstellte, versuchte dieser mit den Göttern des Lebens in innigsten Kontakt zu treten, damit er so wie die Sonne wiedergeboren wird. Wer nämlich wiedergeboren wird, hat das ewige Leben. Der wiedergeborene männliche Sonnengott verhilft wiederum der Erde, dem mütterlichen und passiven Element, zur Wiedergeburt.

Die religiösen Ideen der alten Ägypter änderten sich im Laufe der Jahrhunderte, was unter anderem am Beispiel des Gottes Horus zu erkennen ist. Ursprünglich war Horus als Weltschöpfer der höchste Gott, also der Sonnengott, und fuhr im Sonnenschiff über den Himmelsozean. Später wurde er als Sohn des Sonnengottes oder auch als Sohn von Isis und Osiris verehrt.

Für die obersten Priester und Gelehrten war der höchste Gott ein transzendentes Wesen, für welches die menschliche Vorstellungskraft nicht ausreichte. Dem einfachen Volk mußte aber ein anschauliches Bild der Gottheit gegeben werden. Darum wurde Horus in Gestalt der Sonne oder des Falken verehrt. Die Sonne wurde zum Symbol des Lichts und in weiterer Folge der Ausdruck der tieferen geistigen Erkenntnis. In der Malerei wurde der Lichtgedanke mit der Farbe Gold versinnbildlicht.

Abschließend soll noch auf die Bedeutung bestimmter geometrischer Figuren eingegangen werden, weil diese in den Bildern der Goldenen Periode von Gustav Klimt eine wichtige Rolle spielen. Diese Figuren sind von der Struktur der alten ägyptischen Tempelanlagen abgeleitet. Das Rechteck und insbesondere das Quadrat symbolisieren das männliche Prinzip. Der Weg, welcher ins Innerste des Tempels einer männlichen Gottheit führte, setzte sich nämlich aus geraden Strecken zusammen, welche jeweils unter einem rechten Winkel aneinanderstießen. Einen solchen Weg bezeichnete Thausing als „axiale Linie“, im Gegensatz zur „gebrochenen Achse“, der Schneckenlinie oder Spirale. Die Spirale symbolisiert das weibliche Prinzip, weil der Weg in den Tempel einer weiblichen Gottheit keine geraden Strecken aufwies, sondern eine nach innen gekrümmte Linie bildete.

Soweit die Ausführungen von Gertrud Thausing. Zur weiteren Klärung der Begriffe möchte ich auch andere Autoren zu Wort kommen lassen und zitiere deshalb aus Standardwerken.

Horus

(Wörterbuch der Symbolik; S 328): „Die frühe Gleichsetzung mit dem Sonnengott (vor allem Harachte), das Horussymbol der geflügelten Sonnenscheibe, die Bezeichnung der Sonne als Horus-Auge und die Etymologie seines Namens (‚der Ferne, Hohe’) weisen darauf hin, daß Horus ursprünglich ein Himmelsgott war. Das Wissen um diese Hochgottrolle geht nie verloren und drückt sich zum Beispiel in dem Versuch aus, ihn als ‚älteren Horus’ (Harueris) von ‚Horus, Sohn der Isis’ (Harsiesis) zu unterscheiden. Das Symbol der Flügelsonne, das auf offiziellen Denkmälern das ägyptische Königtum repräsentiert, zeigt, daß Horus auch als kosmischer Gott ein politischer Gott ist, der mit der Idee des pharaonischen Königtums unablösbar verbunden bleibt.

Ähnlich vieldeutig ist das Symbol des ‚Horus-Auges’ als ‚Zankapfel’ im Bruderkampf zwischen Horus und Seth, das in der kultischen Dimension die jeweilige Opfergabe darstellt, in der politischen Dimension die Krone des ägyptischen Königtums und in der kosmischen Dimension das Licht und zwar sowohl als Sonne als auch als Mond.“
 

Re-Horus

(Wolf, W.; Kulturgeschichte des alten Ägypten; S 152): „In seiner Eigenschaft als die im Osten aufgehende Morgensonne wurde Re gern unter dem Namen Harachti, d.h. ‚Horus vom Lichtland’, verehrt. Ursprünglich wohl eine örtliche Sonderform des Horusfalken, floß Harachte als Gott der Morgensonne mit Re als der Sonne schlechthin zusammen. Re-Harachte, als Mensch mit Falkenkopf dargestellt, der eine von einer Uräusschlange umringelte Sonnenscheibe trägt, verband die Sonne mit Namen und Gestalt des Königsfalken und erwies sich in dieser Form als hervorragend geeignet, den Sonnenglauben mit dem Königsdogma zu verbinden und ihm damit zum Durchbruch zu verhelfen.“

Horus

(Eggebrecht, A.; Das alte Ägypten; S 278ff.): „Die Verehrung des Falken wurzelt in den frühesten ägyptischen Gottesvorstellungen, und schon die ersten Könige verbanden sich mit seiner Gestalt. Da sie jedoch vom Süden Oberägyptens bis ins Delta verehrt wurden und ihre Verschmelzung zu Horus unvollständig blieb, bietet auch dieser Gott ein wenig einheitliches Bild, da er sich insbesondere mythisch-genealogischer Einordnung zäh widersetzt.

Als Herr der Lüfte, der seine Bahn über den Himmel zieht, brachte man ihn mit der Sonne in Verbindung. So ist Harachte, der ‚horizontische Horus’, die Tagesgestalt der Sonne. Harmachis, der ‚Horus im Horizont’, wurde zum Gottesnamen der großen Sphinx von Gize. Haroeris, der ‚Horus der Ältere’, galt als Sohn des Re.

Die Identifizierung des Horus mit dem König schuf jedoch zusammen mit dem Aufkommen des Osiris-Kults zwangsläufig eine neue Konstellation. War der verstorbene König Osiris, so mußte sein Sohn und Nachfolger Horus Sohn des Osiris und der Isis sein. In dieser Eigenschaft wird er Harsiese, Sohn der Isis, genannt. Seine Gestalt als Kindgott, Harpokrates, wurde seit der Spätzeit nahezu selbständig.

Damit kann Horus als Falke oder falkenköpfige Menschengestalt sowohl die Kronen der beiden Länder als auch die uräusumschlungene Sonne als Emblem tragen. Seine Augen sind Sonne und Mond, und als geflügelte Sonnenscheibe symbolisiert er den Himmel überhaupt.
 

Horus

(Ägypten - Schatzkammer der Pharaonen; S 164f.): „ ‚Der große Gott, der Herr des Himmels’, teilte seine Macht mit dem Pharao. Sonne und Mond galten als die Augen des falkenköpfigen Himmelsgottes. Im Mythos erscheint er als Sohn von Osiris und Isis. Dieser Mythos, der im Lauf der Zeit immer wieder verändert wurde, gab den Menschen Hoffnung auf ein jenseitiges Leben.“
 

Re

(Wörterbuch der Symbolik; S 604): „Ägyptischer Sonnengott, den wir mit den Griechen Re nennen (die Etymologie des Namens ist unbekannt, die Bedeutung ist ursprünglich einfach ‚Sonne’); er ist verhältnismäßig spät (um 2500) an die Spitze des ägyptischen Pantheons aufgestiegen, als die Könige anfingen, sich ‚Sohn des Re’ zu nennen. Zu dieser Zeit muß der Kult des Re in Heliopolis beheimatet worden sein.

Das Licht gilt als Äußerung der alles belebenden Schöpferkraft des Gottes, deren Wirken in der Natur die ‚Jahreszeitenreliefs’ der Sonnenheiligtümer darstellen; zugleich ordnet es die Welt, indem es sie sichtbar und begehbar macht. Die Bewegung des Gottes über den Himmel gibt dem Kosmos seine ‚solare Achse’, nach der die Tempel und Gräber ausgerichtet sind. ... Die Bewegung ordnet die Welt, indem sie das Chaos in Gestalt des Finsternisdrachens Apophis (der sie ständig mit Stillstand bedroht) bei Tage und den Tod bei Nacht überwindet.“

Sonnengottheiten

(Wörterbuch der Symbolik; S 685): „Den Ägyptern galt das Sonnengestirn als sichtbarer ‚Leib’ des Himmelsherrn - Re; ... Die Ägypter bezeichneten den Sonnengott metaphorish einfach als ‚das Gold’ oder ‚der Goldene’.“

 

Sonnensymbolik

(Wörterbuch der Symbolik; S 686): „Mythisch-symbolisch gilt der Sonnenlauf als Wagenfahrt, als Schifffahrt, als Vogelflug, als Kugelrollen durch den Sonnengott. Auch ist die Sonne das allsehende Auge des Himmels. Auf die Wagenfahrt weist das Rad als verbreitetes Symbol hin, oft mit Speichenkreuz, dem Symbol der vier Weltecken, die den Sonnenstand morgens, mittags, abends und mitternächtlich anzeigen. Auch das Kreuz allein gilt als Symbol, besonders das Hakenkreuz (Swastika), in dem sich der Sonnenlauf darstellt: von rechts nach links die untergehende Sonne, von links nach rechts die aufgehende Sonne. Da die Sonne wie am Himmel daherzufliegen erscheint, sind Vögel ihre Symbole, bes. Adler und Falke, die beide auch das Herrscherliche der Sonne symbolisieren.“

 

Die Zahl Vier

(Wörterbuch der Symbolik; S 795): „Sie repräsentiert unter den bedeutungsvollen Zahlen die kosmische Ordnung, ist Symbol der Ganzheit. ... In ihrer Symboldeutung steht die Vier in engem Zusammenhang mit dem Quadrat.“

 

Die Zahl Drei

(Wörterbuch der Symbolik; S 151): „Sie bedeutet die Überwindung der Entzweiung und drückt in ihrem umfassenden Wesen die Vollkommenheit aus. Kosmologisch: Himmel, Erde, Unterwelt. Chronologisch: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

 

Die Himmelsrichtungen

(Bauval, R., und Gilbert, A.; Das Geheimnis des Orion; S 303): „Die vier Himmelsrichtungen waren von äußerster Wichtigkeit für die Wiedergeburtszeremonien: Der Süden (Meridian) markierte den Beginn des Zyklus, der Westen den Beginn des symbolischen Todes, wenn der Stern unsichtbar wurde, und der Osten bezeichnete die Wiedergeburt beim heliakischen Aufgang des Sterns. Der Norden wurde offenbar als der Punkt angesehen, an dem die Energie für den gesamten Prozeß erzeugt wurde. Dort befand sich der geheimnisvolle Aufenthalt von Tuart - jener Fruchtbarkeitsgöttin in Gestalt eines Nilpferds, die durch das heutige Sternbild des Drachen (Draco) dargestellt wurde.“

 

Kreise

(Waddel, J.; The Prehistoric Archaeology of Ireland; S 75): Laut Waddell sind Kreise Sonnensymbole, deren Bedeutung sich in Irland bis heute erhalten hat. Zwei nebeneinandergestellte Kreise symbolisieren Tod und Wiedergeburt. Drei miteinander verbundene Spiralen haben die Bedeutung von Leben, Tod und Wiedergeburt.

 

Die Autorin des Artikels möchte hier anmerken, daß wir das Motiv der zwei oder drei Kreise auf den ägyptischen Särgen wiederfinden.