Bildnis Fritza Riedler (1906)



Das Gemälde der Fritza Riedler stellt symbolisch gesehen einen äußerst wichtigen Moment in den Glaubensvorstellungen der alten Ägypter dar: und zwar den Augenblick der „Mundöffnung“, die am verstorbenen Pharao durchgeführt wird. Er wird damit „verstirnt“, das heißt, seine Seele gelangt in die Sternenwelt zu Osiris, dem Totengott, und zu Isis, seiner Gefährtin. Damit erlangt er auch die Fähigkeit, Ägypten zu beschützen.

Beginnen wir nun mit der Analyse des Bildes, und zwar mit dem Hintergrund. Links der Frau sehen wir verschiedenartig gefärbte Balken. Der schwarze Streifen mit dem Quadrat stellt Ägypten im allgemeinen dar, wobei das Quadrat einen männlichen Palastbau symbolisiert. Darunter befinden sich ein grünes und blaues Balken-Fragment. Die blaue Farbe symbolisiert den Nil, die grüne den fruchtbaren Landstreifen entlang des Nilufers.

Wenden wir uns nun der oberen Bildhälfte zu. Der vertikale goldene Streifen, in zwei Farbschattierungen, stellt das Reich des Sonnengottes, den durchstrahlten Himmel, dar. Der restliche Bildhintergrund, in roter Farbe gehalten, zeigt den Moment des Sonnenaufgangs, den Augenblick der Wiedergeburt.

Sehen wir uns nun den Fauteuil, auf dem die Frau sitzt, genauer an. Sein Dekor besteht aus symbolischen Horusaugen. Klimt hat in seinem Gemälde bewusst verschiedene Stoffstreifen übereinander gesetzt, um damit die verschiedenen Zeitbegriffe des Gottes Horus herauszuarbeiten. Dem Gott Horus ist es möglich in die weitest zurückliegenden Abschnitte der Vergangenheit zu blicken, wie auch die Gegenwart und alle Bereiche der Zukunft zu erkennen. Mit anderen Worten, Gott Horus erkennt die Ewigkeit.

Wenden wir nun unseren Blick auf den Kopf der Frau. Dieser ist von einem stilisierten Kopfschmuck umgeben, in dem man das altägyptisch-königliche Kopftuch, das Neme[, erkennen kann. Das Neme[ ist ein eindeutiges Königszeichen, wie wir es auch an der Sphinx von Giza oder der goldenen Totenmaske des Tutanchamun sehen können. Entscheidend ist aber das neben diesem Kopftuch an der rechten Seite abgebildete halbe Kopftuch auf dem roten Himmel. Es ist das Zeichen des Augenblicks der Wiedergeburt des Pharao, der Moment der „Transzession“, die vom Anubispriester unter Anwesenheit der Hohepriester eingeleitet wird.

Die künstlerische Darstellung des königlichen Kopftuches durch Gustav Klimt verweist auf die Wiederaufnahme altägyptischer Juweliermotive, wie sie durch die Kunst des Jugendstils, beispielsweise der Wr.Werkstätte (Hoffmann, Loos, Lang) oder von Emilie Flöge, repräsentiert wird.

Da in der Vorstellung der alten Ägypter auch der Körper des Pharao für die Ewigkeit vorbereitet werden musste, entwickelte sich das Ritual der Mumifizierung. Für die Durchführung waren etwa 70 Tage vorgeschrieben. In dieser Zeit hat sich die Geistseele (Ba) von der Kraftseele (Ka) getrennt und durchreiste verschiedene astrale Welten. War die Mumifizierung nach der vorgeschriebenen Zeit vollendet, konnte die Geistseele wieder in den „geschmückten Körper“, die Mumie, zurückkehren. Danach wurde der Pharao bestattet. Am Grabe angekommen, vollzog der Priester den Ritus der „Mundöffnung“ (Wolf, W.; Kulturgeschichte des alten Ägypten; S171f), der nichts anderes bedeutete, als dass die Mumie des Pharao mit dem ewigen Leben verbunden wurde. Gleichzeitig bestand auch die Vorstellung, dass der Pharao gleichsam die Wirkungsmacht eines Sterns am Himmelgewölbe gewinnen könne, um schützend über Ägypten zu wachen. Dieses ewige Leben am Himmel symbolisiert Klimt am roten Morgenhimmel mit den kleinen Vierecken.

Wenden wir uns nun wieder der Frau auf dem Gemälde zu. Der Kopf mit den schwarzen Haaren symbolisiert das Land Ägypten. Das Land wird wegen seiner Fruchtbarkeit als weiblich gedacht.

Der Körper der Frau repräsentiert hingegen den toten Körper eines Pharao im Augenblick der Wiedergeburt zum ewigen Leben. Das Kleid in seiner Form, wie es Gustav Klimt gemalt hat, entspricht exakt der Symbolik für das ewige Leben. Alle Streifen laufen im Kreis um den Körper, ohne Anfang, ohne Ende, als Zeichen für die Ewigkeit. Auch der Halsschmuck mit seinen schwarzen Konturen (Hinweis auf Ägypten) auf der Schließe und die Perlenkette verweisen auf den Ewigkeitsgedanken.

Einer gesonderten Betrachtung sind die Maschen auf dem Kleid wert. Sie sind von Gustav Klimt in Form von Schmetterlingen gemalt worden. Schmetterlinge symbolisieren im alten Ägypten „Ba“, die Geistseele (Lurker, M.; Wörterbuch der Symbolik; S 651). Das heißt nichts anderes, als dass sich „Ba“ und „Ka“, die Geistseele und die Dynamik-Seele wieder vereinigen können, um sich in Ewigkeit miteinander zu verbinden.

Der letzte Punkt, der noch zu klären wäre, ist die Farbe weiß des Kleides. Die Farbe weiß war die Farbe der Kleidung der Priester. Diese waren in weißes Leinen gehüllt.

Abschließend können wir sagen, dass das Bildnis der Fritza Riedler die Periode um die „Mundöffnungszeremonie“ des toten Pharao darstellt, der darnach sein ewiges Sternenleben antritt.