Schlußbemerkungen zur Goldenen Periode



Daß Gustav Klimt in seinen Bildern der Goldenen Periode nicht nur eine reale Welt, sondern auch eine mystische Welt darstellte, hat er selbst in der Beschreibung seines Bildes „Der Kuß“ im Beethovenfries bewiesen. Einmal mit seinem Hinweis „Diesen Kuß der ganzen Welt“ und ein anderes Mal bei einer Ausstellung 1903 mit der Wahl folgender Worte für das gleiche Gemälde: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Klimt – Leben und Werk, Ausstellungskatalog 1990, S 158).

Die Goldene Periode im Schaffen von Gustav Klimt erstreckt sich auf den Zeitraum von 1901 bis 1910. Das zentrale Thema dieser Periode ist die symbolhafte Darstellung der Wiedergeburt, bzw. des ewigen Lebens der Sonne, der Erde und des Landes Ägypten. Es ist daher auch kein Zufall, daß die Zweidimensionalität der Bilder einerseits auf das alte Ägypten und andererseits auf den japanischen Farbholzschnitt zurückgeht, da Japan das Land der aufgehenden Sonne ist. Hier findet die Wiedergeburt der Sonne statt, die Ägypten das Überleben sichert. So kann man abschließend mit Recht behaupten, daß Gustav Klimt keine Goldauflage oder keinen Pinselstrich an seinen Werken der  Goldenen Periode vorgenommen hat, der nicht eine tiefe symbolische Bedeutung ausdrücken sollte.

Hier an dieser Stelle wäre noch zu vermerken, daß Gustav Klimt jene altägyptischen Vorstellungen im Bereich der Malerei ausgearbeitet hat, die zuvor Friedrich Schiller im Bereich der Dichtung und Ludwig van Beethoven im Bereich der Musik mit ihrer „Ode an die Freude“ ausgedrückt haben. Und wie heißt es bei Schiller?
 
„Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.
Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder - überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen“.

Auch Friedrich Schiller hat seine künstlerische Freiheit benutzt und in das Elysium eine Göttin und nicht einen Gott gesetzt. Wenn wir aber bedenken, daß das Elysium das Jenseits bedeutet, jene Welt, in die wir nach dem Tod hineingeboren werden, bzw. in das ewige Leben eingehen, finden wir auch in den Worten von Friedrich Schiller eine bildhafte Darstellung der altägyptischen Mystik. Und was nun die großartige Vertonung dieser Verse durch Ludwig van Beethoven betrifft, so müssen wir uns in Erinnerung rufen, daß seine geniale Komposition zur Europahymne auserwählt wurde.

Jeder von diesen drei großen Geistern - Schiller, Beethoven, Klimt - hat in seiner jeweiligen Kunstrichtung ein Meisterwerk geschaffen.