In einem goldenen Rahmen finden wir das gleiche Motiv vom Leben, Sterben, Tod und der Wiedergeburt der Sonne wie im Bild „Judith I“. Während aber „Judith I“ 1901 entstand, malte Klimt „Judith II“ erst 1909, also gegen Ende der Goldenen Periode.
Die Frau mit dem schwarzen Haar repräsentiert wieder das alte Ägypten, die bunten und schwarzen Vierecke im Haar die verschiedenen Gaue Ägyptens, bzw. der eroberten Länder. Das bunte Blumengebilde am Hals deutet auf den fruchtbaren Teil Ägyptens hin. Im schwarzen Kleid der Frau ist links unten ein Blumenstrauß angedeutet, der auf die Pflanzenwelt Ägyptens hinweisen soll.
Die rote Farbe über dem schwarzen Haar symbolisiert die aufgehende Sonne, den Moment der Wiedergeburt, also das ewige Leben Ägyptens. Links von der Figur sind auf rotem Hintergrund die Spiralen des Lebensbaumes zu sehen wie auch Quadrate mit schwarzem Mittelpunkt, die das männliche Prinzip der altägyptischen Tempelanlage, bzw. die Ganzheit und die kosmische Ordnung symbolisieren.
Auf der rechten unteren Seite des Kleides finden wir die Hälfte eines Gesichtes, wahrscheinlich des Sonnengottes im Augenblick des Sonnenunterganges, also während seines Sterbens. Dies entspricht auch der biblischen Erzählung vom Tod des Holophernes, dem Judith den Kopf abschlug. Das Gesicht wird links von einem roten Viereck und einem roten Dreieck sowie oben und unten von zwei goldenen Gebilden umrahmt, die wie abgeschnittene Flügel wirken. Das untere goldene Gebilde symbolisiert den Tod der Sonne, das obere das Leben. Die roten Farbelemente können als Sinnbilder gedeutet werden. Das rote Viereck stellt entsprechend dem rechten Winkel in der Tempelanlage einer männlichen Gottheit einen Mann dar, wahrscheinlich den Sonnengott selbst. Das rote Dreieck ist ein halbes Quadrat und stellt den Untergang eines Mannes dar, d.h. seinen Tod oder seinen Eintritt in das Totenreich. Es ist ein Übergang aus dem bisherigen in einen künftigen Zustand. Tatsächlich ist „Judith II“ eines der letzten von Gustav Klimts Bildern der Goldenen Periode. Mit diesem Gemälde nimmt er Abschied von einem Stiltypus.