Adele Bloch-Bauer I (Die goldene Adele)



Mit den in den früheren Bildern entzifferten Symbolen ist dieses Bild einfach zu entschlüsseln. Wir finden am linken unteren Bildrand ein kleines Stück grüner Farbe, das die Erde symbolisiert. Der restliche Hintergrund  ist aus reinem Gold, dem Sonnensymbol. In der rechten Bildhälfte, der Seite der  Wiedergeburt, steht Adele Bloch-Bauer in einem Kleid mit der Grundfarbe Gold. Auf dem Kleid finden wir die uns bereits bekannten, auf die Ewigkeit hindeutenden Horusaugen. Die weibliche Figur  steht auf der mit grüner Farbe bemalten Erde, ist also selbst ein Land der Erde. Aus der schwarzen Haarfarbe und der Farbe Schwarz im Kleid und im Umhang kann man wieder schließen, daß dieses Land Ägypten ist. Die Farbe Blau darf wohl als Himmel gedeutet werden, auf dem der Sonnengott wandelt. Umfangen ist die Frau, also das alte Ägypten, von einem goldenen Mantel, der die Kraft der Sonne repräsentiert. Von den Halbkreisen, die sich auf dem Mantel paarweise gegenüberstehen, bedeutet jeweils die linke Hälfte den Tod und die rechte Hälfte die Wiedergeburt. Die Spiralen, die wir auf dem Mantel finden, stellen Sonnensymbole dar. Auch die Armlehnen des Fauteuil zeigen das bekannte Spiralmotiv.
 
Hinter der Frau sind zwei Flügel angedeutet. Diese beiden Flügel repräsentieren Horus, den Falkengott, den Allmächtigen, den Sonnengott. Wie bereits im Kapitel 2 berichtet wurde, waren in Ägypten die Flügel ein Symbol des Schutzes.  Im (vom Betrachter aus gesehen) rechten Flügel finden wir verschiedene miteinander verbundene Spiralen. Zwei miteinander verbundene Spiralen symbolisieren den Lauf der Sonne vom kürzesten Tag zum längsten und wieder zurück. Dieser Lauf ist in der Mitte durch zwei kleine Spiralen oben und unten unterbrochen, welche die zweimalige Tag- und Nachtgleiche innerhalb eines Jahres repräsentieren. Ebenfalls vorhanden ist eine dreifache Spirale, die Leben, Tod und Wiedergeburt darstellt. Dieses Symbol hat bis heute in Irland die gleiche Bedeutung.    

Im linken Flügel finden wir neben den Spiralen schwarze Kreisflächen, wobei der obere Halbkreis jeweils die Welt der Lebenden und der untere Halbkreis die Welt der Toten symbolisieren. Am äußersten linken Flügelrand sehen wir fünf Quadrate und ein halbes in roter Farbe. Dieses künstlerische Motiv wird zum unteren Flügelende mehrmals in verschiedenen Farben wiederholt. Für uns sind aber die roten Vierecke von besonderer Wichtigkeit, da sie den Sonnengott in all seinen Ausformungen in der Vorstellung der alten Ägypter darstellen. Das Viereck, das Quadrat, ist ein Symbol für die Ganzheit und die kosmische Ordnung, als „axiale Linie“ auch für das männliche Element, den Sonnengott. Betrachten wir nun die fünf ganzen roten Quadrate. Das rote Viereck in der Mitte umschließt ein kleineres grünes Viereck, die Erde. Das bedeutet: die Sonne umhüllt die Erde. Die vier sie umgebenden Quadrate haben folgende Bedeutungen: links oben - Leben, links unten - Sterben, rechts unten - Tod und rechts oben - Wiedergeburt. Damit hat Gustav Klimt den Kreislauf der Sonne und damit auch des Lebens im allgemeinen dargestellt. Die Sonne geht im Westen unter und wird im Osten täglich wiedergeboren. Der Sonnenaufgang sichert das ewige Leben. Besonders wichtig ist aber das halbe Quadrat zwischen den beiden rechten Quadraten. Klimt hat dieses halbe Quadrat absichtlich gemalt und nicht etwa deshalb, weil er für ein ganzes zu wenig Platz hatte. Das halbe Quadrat zeigt nämlich exakt den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs an, also den genauen Zeitpunkt der Wiedergeburt der Sonne und Ägyptens. Ägypten wird durch die Frau mit dem schwarzen Haar repräsentiert. Da diese sich auf der rechten Bildhälfte befindet, der Seite der Wiedergeburt, soll dies wohl auf das ewige Leben des alten Ägypten verweisen.
 
Mit dem Hinweis auf Ägypten schließt sich auch ein weiterer Kreis, nämlich die Zweidimensionalität des Bildes. Wie bereits im Kapitel 2 erwähnt wurde, geht die Zweidimensionalität zugleich auf den japanischen Farbholzschnitt und auf die Malerei des alten Ägypten zurück. Der starke Einfluß des japanischen Farbholzschnitts war sicherlich eine Zeiterscheinung des ausklingenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, paßte aber in das symbolische Konzept von Klimt, genauso wie die dunkelhaarige Adele Bloch-Bauer. Während nämlich die Zweidimensionalität auf Japan, das Land der aufgehenden Sonne, hinweist, bedeutet Adeles schwarzes Haar ein Symbol für das alte Ägypten. Die Welt im allgemeinen hat Klimt mit brünettem Haar dargestellt, wie im Bildnis „Der Kuß“ zu sehen ist. Für Ägypten mußte er eine schwarzhaarige Frau wählen. Das Bildnis hat er demnach auch Adele Bloch-Bauer I genannt, im Gegensatz zu Adele Bloch-Bauer II. In der zweiten Ausführung wurde  Adele in bunten Farben auf der Erde stehend dargestellt. Adele Bloch-Bauer II ist ein Portrait ebenfalls in zweidimensionaler Darstellung, aber kein Symbol mehr. Das Bild gehört zwar zum Jugendstil, aber nicht mehr zur Goldenen Periode Klimts.

Betrachten wir nun das Bild Adele Bloch-Bauer I weiter. Ein goldenes Kleid, das die Sonne repräsentiert, umfängt den Körper der Frau, Ägypten. Ägypten wird demnach von der Sonne umschlossen. Das Horusauge, die bildliche Darstellung der Ewigkeit, findet sich vielfach auf dem Kleid. Die goldenen Flügel hinter der Frau symbolisieren nicht nur den Schutz Ägyptens, wenn die Flügel als Geierflügel, also weiblich, gedeutet werden, sondern auch die Weite des Himmels im Sinne der Flügel des Horusfalken. Auch hier finden wir das Dualsystem des alten Ägypten wieder. In beiden Fällen handelt es sich um eine transzendente Identifikation mit der Gottheit.

Auf den offiziellen Bauwerken des alten Ägypten bezeichnet die Flügelsonne das ägyptische Königtum. Dies zeigt, daß Horus sowohl als kosmischer Gott wie auch als Staatsgott angesehen wurde, der mit der Idee des pharaonischen Königtums unlösbar verbunden bleibt. Die Flügelsonne war das Staatswappen des alten Ägypten.

Die silbernen Vierecke im golden ausgeführten Himmel sind ein Symbol der Ganzheit und verweisen auf eine kosmische Ordnung.

Auch bei diesem Gemälde bleibt Gustav Klimt dem Dualsystem Altägyptens treu. In der Realität ist es ein Bildnis der Fabrikantengattin Adele Bloch-Bauer, im Bereich der Mystik symbolisiert es das ewige Leben Altägyptens und des Sonnengottes.