Die Schmalwand (Werkvorlage zum Stocletfries)



In diesem Gemälde wird das gleiche Thema wie in den oben besprochenen Bildern, nämlich die Darstellung des ewigen Lebens, bis zum äußersten abstrahiert. Der bunte Bereich in der Mitte des Gemäldes symbolisiert mit Rechtecken und Spiralmotiven die ganze Erde. Die schwarzen Bereiche stellen Ägypten dar, die bunten Bereiche die Länder außerhalb Ägyptens.

Im Gegensatz dazu befindet sich rund um dieses Mittelstück ein goldener Bereich, der die Bahn der Sonne symbolisiert. Im oberen goldenen Randstreifen finden wir die Spiralmotive des Lebensbaumes wieder. Der weiße Streifen in der Mitte weist nach dem Norden, jener Stelle, wo die alten Ägypter den Sitz der abstrahierten göttlichen Energie annahmen, jenen geheimnisvollen Aufenthalt von Tuart, die für die Wiedergeburtszeremonie von größter Wichtigkeit war. Hier beginnt der Zyklus. Diese hatte es in der Hand, daß der Ablauf von Sein und Werden, also Leben, Sterben, Tod und Wiedergeburt ohne Unterbrechung ausgeführt wurde. Der schwarze Querbalken auf dem weißen Feld weist auf die mystischen Vorstellungen der Ägypter hin. Danach stirbt die Sonne, was im linken goldenen Randstreifen dargestellt werden soll, um danach das Totenreich zu durchwandern. Das goldene Quadrat im unteren Bildrand in der Mitte des unteren Randstreifens zeigt die Sonne in der Nacht, im Totenreich. Die sie umgebenden schwarzen Dreiecke, die ägyptischen Pyramiden, weisen auf die altägyptischen Vorstellungen hin. Dieser besondere Hinweis auf das Totenreich soll die Schwierigkeiten aufzeigen, welche die Sonne zu bestehen hat, um wiedergeboren zu werden. Erinnern wir uns, daß für den Ägypter der tägliche Sonnenaufgang keine Selbstverständlichkeit war. Der  rechte goldene Randstreifen stellt die vollzogene Wiedergeburt dar.

Die sich gegenüberstehenden Halbkreise im linken und rechten Randstreifen in weiß und schwarz symbolisieren ihrerseits wieder Tod (linker Halbkreis) und Wiedergeburt (rechter Halbkreis). Die Farbe Schwarz verweist auf Ägypten, die Farbe Weiß auf die alles bestimmende göttliche Energie. Die sich ebenfalls in der Mitte dieses goldenen Randstreifens befindlichen Quadrate zeigen einerseits die axiale Linie des ägyptischen Tempelbaus, bzw. der Pyramiden auf, und verweisen andererseits auf die kosmische Ordnung, das Symbol der Ganzheit. Das Dualsystem der Ägypter ist in dieser Darstellung künstlerisch perfekt ausgedrückt worden. Die Spiralen im rechten und linken Randstreifen sind das wiederholte Symbol für die Wiedergeburt der Sonne. In diesem Fall deuten sie den Lauf der Sonne vom längsten Tag des Jahres (Leben), zum kürzesten Tag (Tod), um danach wieder zum längsten Tag des Jahres zu wechseln (Wiedergeburt). Dieser äußere goldene Randstreifen, der den Mittelteil umgibt, stellt den konstanten Wandel, das Prinzip von Stirb und Werde im Kosmos dar.

Gustav Klimt hat in dieser Komposition die Darstellung des ewigen Lebens der Sonne und damit auch der Erde extrem abstrahiert. Es treten keine Personen mehr auf, sondern nur noch Symbole.